Samstag, März 18, 2006

DAS KONZEPT

T E N E V E R P A R A D I E S
ein Kulturprojekt von QUARTIER e.V. Bremen

Das Paradies in unserem christlichen Verständnis ist der Garten Eden, ein Ort der Traumverlorenheit, ein Jenseits in dem es sich gut leben lässt. Dort, wo man im Allgemeinen nicht ist, sich möglicherweise aber hinwünscht. Der eigentliche Sinn des Wortes "Paradies" geht auf die altpersische Bezeichnung für ein umgrenztes oder eingehegtes Gebiet zurück - auf so einen Ort wie Tenever vielleicht, der markanten Hochhaussiedlung am Rande Bremens.

Tenever wurde in den 70er Jahren als urbanes Wohnbauparadies mit zahlreichen Wohnblöcken konzipiert, die bis zu 21 Etagen in die Höhe ragen und insgesamt über 2500 Wohnungen in konzentrierter Lage beherbergen. Bremen als expandierende Stadt benötigte Wohnfläche, großzügig und modern sollte hier gelebt werden. Doch die demografische Entwicklung erfüllte nicht ihre Prophezeiung, und so blieben jahrelang bis zu 50 Prozent der Wohnungen leerstehend. Dann, vor zwei Jahren, wurde damit begonnen den Ortsteil zu sanieren und etwa ein Drittel dieser Wohnblöcke abzureißen. Mehr Grünfläche für die Anwohner, weniger bröckelnde Bausubstanz. In einer ersten Zwischenbetrachtung stellt sich die Frage, was vom Grundgedanken übrig geblieben ist. Tenever, eine einstige Utopie, Tenever eine fortwirkende Fehlplanung, Tenever ein sanierter Stadtteil mit Zukunft?

„Teneverparadies“ reflektiert den einstigen utopischen Gedanken und versucht den Ortsteil unter diesem Aspekt ohne Ironie zu betrachten. Was für Bewohner leben hier, nehmen sie Anteil an ihrem Zuhause, wollen sie Veränderungen oder treibt es sie so schnell wie möglich wieder davon? Gibt es in Tenever etwas, das für sie das Paradies ist, auch in Bezug dazu, wo sie ursprünglich herkommen? Wenn nicht, was fehlt ihnen zum Wohn-Paradies?

Jeder Balkon ein Paradies
Die rückwärtige Seite des Gebäudes in der Neuwiederstraße 44/Andernacher Straße 2 – einer der Blöcke die im Jahre 2007 abgerissen werden - ist dominiert von Balkonen, die jeder für sich eine unterschiedliche Geschichte, ein Stück Lebensgeschichte über den Balkonbesitzer erzählen. Inspiriert von diesen „ge- und erlebten Balkongeschichten“ sollen die Balkone als vertikale Bühne genutzt werden: Bunt, kreativ, international, ein Ausdruck der vielen Kulturen und vielfältigen Lebensformen Tenevers. Dabei sind die unterschiedlichsten Kunstformen denkbar: Theaterszenen, Choreographien, Musik, Installationen, Video. Unterstützt werden die Teneveraner dabei von Künstlern aus ganz Deutschland: Zahlreiche kostenlose Workshops, Werkstätten und Ateliers laden zum Mitmachen ein.

Der Ablauf der Geschichten ist einfach: Als sei der Wohnblock ein riesiger Adventskalender öffnet sich nach und nach eine Tür. Der Balkon, auf dem die jeweilige Spielszene, bzw. das Bild zu sehen ist, wird erleuchtet. Diese Struktur ermöglicht ein beziehungsreiches Nebeneinander der unterschiedlichen Kunstformen und Geschichten.

Zur Logistik vom „Teneverparadies“
Das Projekt ist in drei Phasen unterteilt

a) Materialsammlung mit den Bewohnern in Schreib- und Kunstwerkstätten

b) Konzeption und Verdichtung des Materials durch die Bewohner unter künstlerischer Anleitung

c) Proben, Umsetzung und Bespielung des Hochhauses im Herbst 2006

Erste Projektphase: Schreibwerkstatt + Kunstwerkstatt
Die Schreibwerkstatt „Und es ward Wort“ will die Bewohner Tenevers mit Hilfe verschiedener Techniken beim Schreiben ihrer eigenen Geschichten unterstützen. Einblicke in Form, Stil und Textart liefern ein Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten, das zum künstlerischen Handwerkszeug wird, mit dem der Einzelne seine Gedanken in adäquate Worte bringen kann.

Eine Kunstwerkstatt beschäftigt sich mit der Gestaltung der Balkone. Unser bereits präsentiertes Modell soll erweitert werden, die Bewohner dürfen sich im Kleinen mit verschiedenen Werkmaterialien austoben, was dann vielleicht im Großen umgesetzt werden kann.

Zweite Projektphase: Konzeption und Verdichtung des Materials
In dieser Phase (Sommer 2006) werden Künstler zusammen mit den Bewohnern aus den Gedichten und Texten das Konzept entwickeln: Wird eine lineare Geschichte erzählt oder ist die Veranstaltung ein Bilderbogen mit den unterschiedlichsten Assoziationen zum Paradies? Texte werden möglicherweise zu Liedern vertont oder Gedankensplitter in einem Tanz choreographiert.

An dem in der Bastelwerkstatt entstandenen Modell des Hochhauses wird überlegt und entschieden was auf welchem Balkon stattfindet und wie der Ablauf der Vorstellung aussehen kann.

Dritte Projektphase: künstlerische Umsetzung und Hochhausbespielung
Die nächste Phase findet im Herbst 2006 statt. Unter Anleitung der professionellen Künstler werden in zweiwöchigen Workshops und Ateliers die Szenen geprobt, die Bilder und Installationen fertig gestellt. Dabei geht es auch darum künstlerische Fertigkeiten zu wecken, zu vermitteln, zu erweitern.

In dieser Phase soll außerdem im Erdgeschoß ein Hochhauscafé eingerichtet werden, in dem sich die Beteiligten untereinander und mit anderen interessierten Menschen bei Suppe und heißen Getränke treffen können, um zu reden, zu diskutieren, sich zu streiten, miteinander zu lachen oder einfach mal nur so vorbeizugucken.

In diesen zwei Wochen soll auf den Balkonen des Hauses in Absprache mit den noch dort lebenden Bewohnern gearbeitet werden.

Daran anschließend wird das fertige Gesamtkunstwerk dem Publikum präsentiert.

Geplant sind zwei Aufführungsabende im Herbst 2006.

Projektleitung: Anke Thiessen
Organisation vor Ort: Tiina Takkula
Künstler(innen): Ingeborg von Hantelmann, Frouwa Kebschull, Luzia Maurer, Nicole Rzepka, Kurosh Valizadeh, Christina Vogelsang.